Rag’n’Bone Man quälten zu Beginn der Pandemie Schuldgefühle

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Der Rag’n’Bone Man heißt mit bürgerlichem Namen Rory Graham und stammt aus dem Süden Englands. / Quelle: Columbia / Sony Music

Seit fast fünf Jahren ist der Rag’n’Bone Man bereits im internationalen Musikgeschäft erfolgreich. Dabei veröffentlichte der Star, der mit bürgerlichem Namen Rory Graham (36) heißt und aus dem Süden Englands stammt, mit “Human” (2017) gerade mal ein einziges Album. Weshalb sein zweiter Longplayer “Life by Misadventure” (erscheint am 7. Mai) so lange auf sich warten ließ, welches Bild von Männlichkeit der Sänger darauf zeichnen will und womit sein dreijähriger Sohn möglicherweise die Nerven seiner Kita-Betreuer strapaziert, verrät er im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news.

Ihr Debütalbum “Human” erschien vor vier Jahren. Warum dauerte es so lange, bis der Nachfolger “Life by Misadventure” fertig war?

Rory Graham: Ich war zweieinhalb Jahre auf Tournee. Glücklicherweise war das Album weltweit sehr erfolgreich, weshalb wir auch zum Beispiel in Australien und Neuseeland auftreten konnten. Das dauerte also sehr lange und ich musste danach erst einmal eine kleine Pause einlegen. Ich glaube, ich gönnte mir einfach sechs Monate, wo ich wieder mein Leben lebte und ein Stück Normalität zurückerlangte. Mir fällt es schwer, auf Tour neue Songs zu schreiben. Ich wollte auch zu meiner Familie zurückkehren und einfach eine Zeit lang nur Papa sein.

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Hat die anhaltende Corona-Pandemie Ihre Albumpläne weiter verzögert?

Graham: Vielleicht ein klein wenig. Es hätte möglicherweise sechs Monate früher erscheinen können, aber es war nicht die richtige Zeit. Alles war so ungewiss. Ich bin froh, dass wir ein wenig abgewartet haben, weil es nun scheint, als zeichne sich Hoffnung am Horizont ab. Der Kalender füllt sich wieder und es gibt Festivals, die möglicherweise stattfinden.

Wie ging es Ihnen persönlich bislang in dieser schwierigen Zeit?

Graham: Wir hatten rund 30 Festivalauftritte geplant, die abgesagt werden mussten. Das war traurig und alle fühlten sich ein wenig niedergeschlagen. Man hatte keine Arbeit und es ist auch weiterhin für meine Crew und meine Band schwierig. Ich fühlte mich schuldig, weil sie arbeitslos waren und kein Einkommen hatten. Der Silberstreif am Horizont war, dass ich den Sommer zu Hause mit meinem Sohn verbringen konnte. Ich glaube, das hatte ich schon Jahre nicht mehr tun können, weil ich überwiegend auf Festivals unterwegs war. Der Sommer ist immer die geschäftigste Zeit.

Wo wir gerade von Ihrem Sohn Reuben sprechen: Ist er bereits musikalisch?

Graham: Er ist noch nicht mal vier, es ist also noch sehr früh …

Aber spielt er vielleicht schon auf einem kleinen Schlagzeug oder anderen Mini-Instrumenten?

Graham: Kürzlich hat er eine meiner Mundharmonikas stibitzt und sie mit in die Kita genommen. Als ich ihn abholte, sagte der Betreuer: “Übrigens, er hat eine Mundharmonika in seiner Hosentasche und er hat darauf gespielt.” Er nervt dort vermutlich alle!

Welche Geschichte verbirgt sich hinter dem Albumtitel “Life by Misadventure” (“Leben durch Missgeschick”)?

Graham: Ich glaube, ich hatte eine schwierige Jugend. Meine Kindheit war schön, aber als Teenager benahm ich mich nicht gut. Auf dem Album spreche ich viel mit mir selbst und mit meinem Sohn und sage ihm: “Das sind die Dinge, die du tun solltest. Tue nicht, was ich tat.” Ich wünsche mir für uns als Familie die bestmögliche Zukunft, darum spreche ich über Themen wie Moral und, wie man emotional mit Dingen umgehen sollte. Mein Sohn soll wissen, dass er in seinen Gedanken frei sein kann und lieben kann, wen er möchte – ohne Grenzen. Er soll seine Gefühle emotional zeigen können und nicht denken: “Du musst ein Mann sein.”

Das Album behandelt also auch das Thema Männlichkeit.

Graham: Ja. Es ist eine Generationensache. Wir stehen heute in der Verantwortung, die Dinge für die Zukunft unserer Kinder zu verändern. Dazu gehört, sie wissen zu lassen, dass es okay ist, offen zu sein – und ihnen nicht diese (alte) Form von toxischer Maskulinität zu vermitteln.

Bevor Sie sich komplett auf Ihre Musikkarriere fokussiert haben, arbeiteten Sie als Betreuer von Menschen mit Autismus. Wie hat diese Erfahrung Sie beeinflusst – persönlich und als Künstler?

Graham: Ich bin mir nicht sicher, ob es meine Musik beeinflusst. Das Wichtigste in diesem Job ist die Kommunikation; wie man mit Menschen spricht, die auf unterschiedliche Art und Weise eingeschränkt sind. Man lernt, mit jedem anders zu kommunizieren, und man erlernt Empathie und, dass nicht jeder gleich denkt. Ich glaube, ich bin dadurch ein Mensch geworden, der sich stärker kümmert und mehr Verständnis aufbringt.

Mit 15 starteten Sie Ihre Karriere als Rapper. Beeinflusst Rap Ihre Musik noch heute?

Graham: Es fällt mir schwer, Hip-Hop und dieses Album in einem Atemzug zu nennen. Darauf finden sich nicht viele derartige Einflüsse. Vielleicht kann man es in der Art, wie ich Texte wiedergebe, und an ihrem Rhythmus teilweise noch erkennen, aber ich denke nicht. Das sind heute getrennte Welten.

(wag/spot)

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