Sexleben eingeschlafen? So verbessern Paare ihre Intimität

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Sexologin Jana Welch teilt in
Sexologin Jana Welch teilt in "Sex that connects" 30 Hands-on-Abenteuer für Paare. / Source: Goldmann

In vielen langjährigen Beziehungen kann es passieren, dass das Sexleben an Lebendigkeit und Leichtigkeit verliert. Was am Anfang aufregend und erfüllend war, kann sich im Lauf der Zeit in Routine und Langeweile verwandeln. Wie weckt man ein eingeschlafenes Intimleben wieder auf – und das gemeinsam mit dem Partner oder der Partnerin? Sexologin Jana Welch teilt in ihrem erotischen Playbook “Sex that connects” (ab 22. Mai erhältlich, Goldmann Verlag) 30 erprobte Hands-on-Abenteuer für Paare.

Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news erklärt Welch, woran es liegt, dass immer weniger Paare erfüllenden Sex haben, wie Paare mehr Erotik in den Alltag einbauen können und wie sie mit verschiedenen Fantasien umgehen können.


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“Sex that connects” ist der Titel Ihres Buches. Spielt guter Sex wirklich so eine große Rolle in einer Beziehung? Und warum?

Jana Welch: Wunderbar, dass Sie guter Sex sagen. Für mich bedeutet das – ich habe Sex und fühle mich gleichzeitig mit meinem Partner verbunden. Es kann so viel mehr sein, als nur das alte langweilige Spiel.

In meinem Buch beschreibe ich Möglichkeiten, wie man seinen Sex so umgestalten kann, dass man sich wieder nah und verbunden fühlt. Oder aber wie man überhaupt wieder ein sexuelles Paar wird. Wenn der Sex dann gut für beide (!) ist, wird er zum Kleber einer Beziehung. Man fühlt sich lebendig, vital, gesättigt und im besten Fall tief befriedigt. Wir verzeihen mehr, wir ärgern uns weniger und fühlen uns nicht nur als Mutti oder Vati – sondern als sexuelle Wesen. Das Gefühl begehrt zu werden (nicht bedrängt) kann uns den Tag versüßen.

Wichtig: wenn beide vereinbaren, dass sie keinen Sex miteinander haben möchten, und beide damit fein sind, dann ist das ok und kann auch gut funktionieren. Nur wenn einer sich nach etwas anderem sehnt, kann Sex von der schönsten Sache der Welt zur größten Belastung für ein Paar werden.

Da kann eine Sexologin helfen – und weil ja nicht alle Paare zu mir in die Praxis kommen, kommt meine Praxis als Buch zu den Menschen nach Hause.

Woran denken Sie, liegt es, dass immer mehr Paare weniger Sex haben?

Welch: Wir leben in einer extrem leistungsorientierten Gesellschaft. Überall müssen wir performen. Die Menschen wollen sich am Abend aber lieber entspannen, faul auf dem Sofa liegen und nichts anderes als ihre Fernbedienung drücken. Daher braucht es meiner Meinung nach eine Neudefinition von “Sex machen”. Für die meisten Menschen bedeutet Sex immer noch Penetration. Also das ganze oft anstrengende Programm. Am besten soll man auch noch kommen und das in fünf Minuten. Da lastet so viel Druck auf der Bettdecke, die Erwartungen sind hoch und Leistungsdruck macht sich breit. Es gibt kaum noch Unterschied zwischen Job und Schlafzimmer. Und mal ganz ehrlich … wer will das schon?

Daher denke ich, wäre es sinnvoll, “Sex haben” in “Sex spielen” zu verwandeln und Sex zu verkleinern. Das könnte dann so aussehen: “Schatz, ich habe heute keine Lust auf Penetration – aber es wäre schön, wenn du meine Vulva sanft berühren würdest.” Auf einmal wäre Sex nicht anstrengend, sondern eine kraftspendende Ressource, die zur Situation passt. Mir wäre das viel lieber, als wenn Paare Sex haben, nur um ihn mal wieder zu haben – quasi, als Dienst nach Vorschrift ihn lustlos vollziehen.

In meinem Buch beschreibe ich Möglichkeiten, wie man sich “anders” nah sein kann – auch wenn man sich müde und erschöpft fühlt.

In Ihrem Buch finden sich 30 Challenges für Paare. Warum haben es genau diese 30 Abenteuer in das Buch geschafft?

Jana Welch: Ha, das ist eine gute Frage. Einige Challenges waren von Anfang an klar – die mussten einfach sein, weil sie so wichtig sind und die Grundlage für eine erotische Beziehung legen und dafür sorgen, dass der Mann länger kann.

Ich habe die Challenges so ausgesucht, dass sie in gewisser Weise aufeinander aufbauen, aber doch auch separat gespielt werden können. Es ging mir darum, das weite Spektrum der Sexualität zu zeigen. Von Slow Sex bis Bondage ist alles drin. Aber wie gesagt, es geht niemals um irgendwelche Positionen, sondern vielmehr um die vielen Facetten der Intimität. Mit dabei sind ja noch sechs weitere Autoren und Autorinnen, die alle ebenfalls Expertinnen und Experten auf ihrem Gebiet sind. Das war eine tolle Zusammenarbeit und ich bin sehr dankbar, so viele interessante Expertinnen und Experten in einem Buch zu vereinen.

Sie schreiben, Gründe für Unlust können auch außerhalb des Betts liegen, zum Beispiel im ganz normalen Alltag. Haben Sie fünf Tipps, wie Paare mehr Erotik in ihren Alltag einbauen können?

Welch: Die Sache ist relativ einfach: Wenn ich mich den ganzen Tag nicht begehrt fühle, nur Pflichten erledige, dann koche und die Kids versorge und mein Partner oder meine Partnerin mich nur noch als Begleitmensch sieht, könnte es sein, dass ich abends keine Lust auf irgendeine Körperlichkeit habe. Vielleicht bin ich sogar wütend oder sauer, weil viele Dinge nicht so gelaufen sind, wie ich es mir vorgestellt habe.

Hier also fünf kleine Tipps, was man schnell verändern könnte:

Redet miteinander am Rande eurer Komfortzone

Nackt schlafen – Handys aus dem Schlafzimmer

Täglich einmal mit Zunge küssen – gerne auch mit offenen Augen

Achtet auf eure Begrüßung – nehmt euch Zeit, steht auf, nehmt euch in den Arm (mindestens 40 Sekunden) und schaut euch an. Schluss mit dem Mutti/Vati-Küsschen auf die Wange.

Macht alles langsamer

Apropos Alltag: Bei vielen Menschen bleibt neben Job, Kindern, Hobbys, Haushalt etc. wenig Zeit für Sex. Halten Sie es für eine gute Idee, sich explizit Zeiträume für Intimität einzuplanen? Und wie viel Zeit sollten sich Paare wöchentlich für ihr Intimleben “freischaufeln”?

Welch: Warum nicht? Ich finde es eine wunderbare Idee, sich zu verabreden. Viele Menschen haben Sorge, dass dann die Spontanität flöten geht. Ich muss da immer schmunzeln – denn meist gibt es diese Spontanität eh schon lange nicht mehr.

Also – ich finde Verabredungen super – doch auch hier gilt: Das Ziel ist im Weg. Wer versteht, dass Sex ohne Ziel so viel schöner sein kann, hat schon gewonnen. Sich gemeinsam einen erotischen Abend zu gestalten, hat etwas Wunderbares. Hier kann man viele meiner Challenges ausprobieren. Wer noch Zweifel hat, sollte einmal an Affären denken – meist sind alle Dates langfristig geplant und trotzdem aufregend.

Wie wichtig ist gute und offene Kommunikation beim Sex? Wie können Paare ihre Kommunikation verbessern?

Welch: Zu Recht steht in jedem Sex-Ratgeber wahrscheinlich schon auf der ersten Seite: Reden Sie mit ihrem Partner. Wenn das mal so leicht wäre. Erstaunlicherweise fällt es uns oft viel schwerer, mit unserem Partner über Sex zu sprechen als mit dem besten Freund oder der besten Freundin. So wird Sex mit der Zeit zum Tabuthema. Man spricht zwar über Sex, den andere haben oder nicht haben – aber über die eigenen sexuellen Bedürfnisse zu sprechen, ist nicht gelernt. In meinem Buch verrate ich die zehn goldenen Regeln der Kommunikation. Hier drei Tipps:

Achtsames Zuhören ist der Hit. Hier eine kleine Challenge: Stellt den Timer auf drei Minuten. Einer spricht – einer hört achtsam zu. Hört nur zu und kommentiert nichts. Wer immer redet, erfährt nichts Neues!

Lernt, euch zu versöhnen

Streicht Wörter wie “immer” und “nie” aus eurem Wortschatz. Sie lassen wenig Spielraum für Veränderungen.

Wie können Paare konstruktiv mit unterschiedlichen sexuellen Vorlieben und Fantasien umgehen?

Welch: Jeder Mensch ist einzigartig – so auch seine Sexualität. Wir haben alle unsere ganz eigenen Fantasien und Vorstellungen und das ist auch gut so und sorgt für die Würze in unserem erotischen Leben. Wichtig ist zu verstehen, dass ich meine Vorlieben und Fantasien behalten darf, sie müssen nicht zwingend von meinem Partner erfüllt werden – sie sind da und können und sollen auch kommuniziert werden.

Erst dann, wenn sie auf dem Tisch liegen, kann meine Partnerin oder mein Partner entscheiden, ob sie oder er da mitgehen will. Vielleicht muss ich meinen Wunsch, meine Fantasie noch besser erklären, sie schmackhaft machen oder meinen Partner verführen. Wenn mein Herzensmensch dann immer noch nicht will, dann ist das ok – es bedeutet aber nicht, dass ich meine Fantasie nicht weiter heiß finden darf.

Wichtig ist, dass beide bereit sind, ihre gewohnte Routine zu verlassen – denn nur so, kommt man ins Spielen.

Wenn Sie einen einzigen Tipp für ein erfüllteres Sexleben mit auf den Weg geben könnten, welcher wäre das?

Welch: Nachdem ich gerade 385 Seiten über ein erfülltes Sexleben geschrieben habe – echt schwer. Aber wahrscheinlich sowas wie “Raus aus dem Kopf – rein ins Gefühl” oder “Lasst euch einfach mehr Zeit”.

(ncz/spot)

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